Coronavirus

Welche Wirtschaftsbereiche sind für die Erholung des Arbeitsmarktes verantwortlich?


Neue Stellenausschreibungen steigen seit einiger Zeit wieder stark an.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  1. Neue Stellenausschreibungen befinden sich seit Anfang Juni 2020 in einem Aufwärtstrend und sorgen damit für eine beginnende Erholung des Arbeitsmarktes.
  2. In den meisten Berufsgruppen zeigt sich eine positive Entwicklung der neuen Stellenausschreibungen. Ihre Zahl steigt stark: sowohl in der Gastronomie und Speisenzubereitung (+84 %) als auch in der Hotel- und Tourismusbranche (+68 %). Allerdings liegt die Entwicklung weiterhin 8 % (Gastro-Bereich) bzw. ganze 37 % (Hotel- und Tourismusbranche ) unterhalb der Vorjahresentwicklung. Für eine Entwarnung ist es also noch zu früh. 
  3. Der Job-Mix verändert sich durch die Corona-Krise: Der systemrelevante und konjunkturunabhängige Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege gewinnt an Bedeutung bei neuen Stellenausschreibungen. Gleiches gilt für den Bereich Erziehung und Bildung. Einen Bedeutungsverlust  können wir hingegen bei neuen Stellenausschreibungen für Produktion und Fertigung sowie Büro und Verwaltung beobachten. 

Die Bundesagentur für Arbeit spricht in ihren August-Analysen davon, dass die deutsche Wirtschaft sich zu erholen beginnt, der Arbeitsmarkt aber weiter unter Druck steht – auch wenn der coronabedingte Anstieg der Arbeitslosigkeit erst einmal gestoppt scheint. 

Doch wie steht es genau um den Arbeitsmarkt? Investieren Arbeitgeber wieder stärker in die Zukunft, indem sie neue Stellen ausschreiben?

Als Echtzeitindikator für die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt betrachten wir die Entwicklungen der Stellenausschreibungen auf Indeed. Indeed-Daten sind eine hervorragende Ergänzung zu den Daten der Bundesagentur für Arbeit zu gemeldeten Stellen: Zum einen liegen Indeed-Daten in Echtzeit vor, zum anderen umfassen sie sowohl bezahlte als auch unbezahlte Stellenausschreibungen und decken somit den Arbeitsmarkt allumfassend ab. 

Neue Stellenausschreibungen sind auf einem guten Weg

Die Überschrift des Beitrags mag zunächst überraschen. Denn wenn wir uns die Entwicklung aller Stellenausschreibungen auf Indeed anschauen, zeigt sich zwar seit wenigen Wochen ein leicht positiver Trend – allerdings liegt die Entwicklung der Stellenausschreibungen bis zum 21. August 2020 weiterhin bei -21 % im Vergleich zur Vorjahresentwicklung. Von einer Erholung des Arbeitsmarktes zu sprechen, scheint da übertrieben. Wenn wir aber hinter die Kulissen schauen und tiefer in die Daten einsteigen, ergeben sich neue Einblicke. Anstelle der Untersuchung aller Stellenausschreibungen betrachten wir nun ausschließlich neue Stellenausschreibungen. Eine neue Stellenausschreibung ist gemäß unserer Definition seit maximal 7 Tagen auf Indeed auffindbar.

Die Entwicklung neuer Stellenausschreibungen ist wesentlich volatiler als die aller Stellenausschreibungen. Deshalb dürfen kurzfristige Schwankungen nicht überbewertet werden. Allerdings zeigt sich mittlerweile seit über 2 Monaten ein konstant positiver Trend für die Entwicklung der neuen Stellenausschreibungen. Es handelt sich hier also um mehr als eine kurzfristige Schwankung. 

Der Zeitpunkt der niedrigsten Entwicklung in 2020 war im April während des typischen Osterferienrückgangs. Die größte Lücke bei neuen Stellenausschreibungen hat es hingegen am 30. Mai 2020 gegeben, wo die Entwicklung bei -38 % im Vergleich zur Vorjahresentwicklung lag. Seit Anfang Juni 2020 ist nunmehr ein Aufwärtstrend zu beobachten. Offenbar haben Unternehmen begonnen, wieder vermehrt in die Zukunft und damit in neue Mitarbeiter:innen zu investieren. Nichtsdestotrotz gibt es weiterhin regelmäßig Nachrichten von Unternehmen, die in großem Umfang Beschäftigte entlassen. Teilweise handelt es sich dabei sicherlich um langfristige strategische Entscheidungen. Unsere bisherigen Arbeitsmarkt-Analysen haben allerdings auch gezeigt, dass verschiedene Wirtschaftsbereiche und damit Berufe sehr unterschiedlich stark von der Corona-Krise betroffen sind. Dieses Bild können wir auch beobachten, wenn wir neue Stellenausschreibungen untersuchen.

In welchen Wirtschaftsbereichen steigen die neuen Stellenausschreibungen wieder?

In vergangenen Analysen haben wir gezeigt, dass sich die Corona-Krise sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Berufe und Wirtschaftsbereiche auswirkt. In nahezu allen beobachteten Berufsgruppen steigt die Zahl der neuen Stellenausschreibungen seit Ende Mai 2020 wieder an. Allerdings fällt der Anstieg unterschiedlich aus. 

Angetrieben durch den Lebensmitteleinzelhandel sind seit Ende Mai 2020 neue Stellenausschreibungen insbesondere im Bereich Einzelhandel angestiegen (+99 %). Therapieberufe sind ebenfalls stark im Aufwärtstrend (+91 %). Auch im Vorjahresvergleich entwickeln sich die neuen Stellenausschreibungen in diesen beiden Bereichen sehr gut. Aus der Gastronomie und Speisenzubereitung sowie der Hotel- und Tourismusbranche gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht zu vermelden: Zwar steigt die Zahl der neuen Stellenausschreibungen in der Gastronomie und Speisenzubereitung (+84 %) und auch in der Hotel- und Tourismusbranche (+68 %) wieder stark an – allerdings ging die Entwicklung aktuell im Vergleich zum Vorjahr im Gastro-Bereich um 8 % und in der Hotel- und Tourismusbranche sogar um 37 % zurück. 

Etwas schwächer fällt der Anstieg aktuell in der IT aus. Der vor der Krise hart umkämpfte IT-Arbeitsmarkt scheint noch immer leicht abgekühlt. In der Softwareentwicklung deutet sich allerdings ein Nachholeffekt an: Neue Stellenausschreibungen steigen an und liegen sogar über der Vorjahresentwicklung. Unternehmen, die nicht bereits wieder IT-Fachkräfte suchen, sollten schnell aktiv werden, denn die Corona-Krise wird den Fachkräftemangel im IT-Bereich nicht lösen

Der Job-Mix der neuen Stellenausschreibungen hat sich verändert

Dadurch, dass die Wirtschaftsbereiche sehr unterschiedlich stark von der Corona-Krise betroffen sind, hat sich der Job-Mix verändert – also die Zusammensetzung der aktuell am Arbeitsmarkt verfügbaren neuen Stellenausschreibungen.

Einen besonders starken Einfluss auf die gesamte Arbeitsmarkterholung hat es, wenn die neuen Stellenausschreibungen auch in den Berufsgruppen wieder ansteigen, die in der Regel die meisten neuen Mitarbeiter:innen suchen. Wir haben ein Ranking der Top-15-Berufsgruppen erstellt, wo aktuell die meisten neuen Stellenausschreibungen veröffentlicht werden. Die aktuelle Entwicklung vergleichen wir mit den neuen Stellenausschreibungen vor einem Jahr und können ganz deutlich beobachten: Die Corona-Krise hat den Job-Mix der neuen Stellenausschreibungen stark verändert.

Direkt die ersten drei Plätze des Rankings sind durch die Corona-Krise kräftig durchmischt worden. Berufe in Produktion und Fertigung führten vor einem Jahr das Ranking noch auf dem 1. Platz an – sind aber im Zuge der Corona-Krise auf den 3. Platz abgerutscht. Zwar sind weiterhin 8,5 % aller neuen Stellenausschreibungen in Produktion und Fertigung, aber mit einem Verlust von -2,4 Prozentpunkten bei neuen Stellenausschreibungen im Vorjahresvergleich gehört die Produktion und Fertigung aktuell zu den größten Verlierern. Berufe in Technik und Mechanik haben zwar im Vorjahresvergleich einen Verlust von 0,3 Prozentpunkten hinnehmen müssen, konnten aber im Zuge der Corona-Krise auf den 1. Platz aufsteigen und verbuchen aktuell 9,7 % aller neuen Stellenausschreibungen.

Den 2. Platz nehmen Berufe in der Gesundheits- und Krankenpflege ein mit 9,5 % aller neuen Stellenausschreibungen. Damit verzeichnen sie einen starken Platzgewinn im Ranking. Berufe in der Gesundheits- und Krankenpflege werden nicht nur als systemrelevant angesehen, sondern sind auch größtenteils konjunkturunabhängig. Damit gehört diese Berufsgruppe mit zu den Gewinnern der Corona-Krise, da sie mit +4,7 Prozentpunkten den größten Zuwachs bei neuen Stellenausschreibungen im Vergleich zum Vorjahresanteil erreicht. 

Berufe in Erziehung und Bildung verzeichnen unter den Top-15-Berufsgruppen im Zuge der Corona-Krise den größten Sprung im Ranking um 6 Plätze nach oben. Sie vergrößern ihren Anteil im Vergleich zum Vorjahr um ganze 1,4 Prozentpunkte auf 3,1 % aller neuen Stellenausschreibungen. Der Einzelhandel profitiert von der Lebensmittelsparte und kann dadurch Anteile an neuen Stellenausschreibungen gewinnen.

Berufe der Gastronomie- und Speisenzubereitung haben sich wieder etwas erholt, sodass im Vergleich zum Vorjahr kein Unterschied im Anteil an allen Stellenausschreibungen beobachtet werden kann. Neben den Berufen der Produktion und Fertigung haben auch Berufe in Büro und Verwaltung unter der Corona-Krise gelitten. Zwar sind aktuell immer noch 5,2 % aller neuen Stellenausschreibungen diesem Bereich zuzuordnen, allerdings ist der Anteil um 1,7 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr abgesunken. Damit treffen Jobsuchende hier auf ein verhältnismäßig geringeres Jobangebot als noch vor der Krise.

Fazit

Die Corona-Krise hat den Arbeitsmarkt kräftig aufgemischt. Der dramatische Rückgang der Stellenausschreibungen ist Ausdruck der wirtschaftlichen Verunsicherung. Die gute Nachricht ist, dass mittlerweile seit Anfang Juni die Zahl der neuen Stellenausschreibungen wieder zunimmt. Auch wenn die Arbeitsmarktlage weiterhin angespannt ist und es viele Unsicherheiten gibt, scheinen Unternehmen wieder optimistischer zu werden und beginnen, in die Zukunft und damit in neue Mitarbeiter:innen zu investieren. 

Unsere Analysen zeigen aber auch, dass die Corona-Krise nicht nur Jobs zerstört hat, sondern dass sich auch der Job-Mix verändert. Die Relevanz einzelner Berufsgruppen bei neuen Stellenausschreibungen wandelt sich. So treffen Jobsuchende auf eine neue Zusammensetzung von offenen neuen Stellenausschreibungen als noch vor einem Jahr. Das mag einige Jobsuchende vor neue Herausforderungen stellen – für andere ergeben sich dafür neue Chancen. Ob dieser veränderte Job-Mix von langfristiger Dauer ist, werden die nächsten Monate zeigen. So schnell, wie sich die Zusammensetzung der neuen Stellenausschreibungen im Zuge der Corona-Krise verändert hat, kann sich auch ein Wandel zurück oder auch in eine völlig neue Richtung ereignen. 

Methodische Hinweise

Um die aktuellen Corona-Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zu untersuchen, vergleichen wir die Entwicklungen der Online-Stellenanzeigen auf Indeed seit Anfang Februar diesen Jahres mit den Entwicklungen des letzten Jahres im gleichen Zeitraum. Für jeden Tag wird ein gleitender Durchschnitt über 7 Tage berechnet. Dabei dient der 1. Februar als Basiswert (1. Februar = 100). An einigen Stellen sprechen wir von der “%-Veränderung zur Vorjahresentwicklung”. Hierfür berechnen wir die prozentuale Veränderung der Stellenzuwachsrate seit dem 1. Februar im Vergleich zum gleichen Datum des Vorjahres. Neue Stellenausschreibungen betrachten wir nach den gleichen Methoden. Neue Stellenausschreibungen definieren wir als solche Stellen, die seit 7 Tagen oder kürzer auf Indeed auffindbar sind.

Wir haben den 1. Februar als Basiswert definiert, da zu dieser Zeit das Coronavirus in Deutschland mit wenigen Ausnahmen noch nicht angekommen war. Erst in der Woche vom 24. Februar wurden zwei Fälle in Heinsberg bekannt, sodass wir die Entwicklungen vor der Coronavirus-Pandemie mit den Entwicklungen während der Coronavirus-Pandemie vergleichen können. 

Informationen, die auf öffentlich zugänglichen Daten der Indeed Deutschland Website (und ggf. anderen genannten Ländern) basieren, sind keine Vorhersagen zukünftiger Ereignisse und umfassen sowohl bezahlte als auch unbezahlte Stellenausschreibungen. 

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