Arbeitsmarktanalysen

Grenzenlos: Jobsuche in Europa und international


Das Indeed Hiring Lab untersucht in diesem Beitrag drei Fragen: Wie eng sind die europäischen Arbeitsmärkte miteinander verknüpft? Wie entwickeln sich die Suchen aus Großbritannien ins restliche Europa? Und wie groß ist das Interesse von internationalen Fachkräften am deutschen Arbeitsmarkt?

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

    • Der Anteil von Suchen ins Ausland unterscheidet sich sehr stark zwischen den europäischen Ländern und variiert zwischen 48,9 % in Rumänien und 2,6 % in Großbritannien. Jobsuchende in Deutschland suchen mit 5,3 % auch nur selten nach Jobs im Ausland.
    • Jobsuchen aus Großbritannien ins europäische Ausland haben um das Brexit-Referendum und die Diskussion um Artikel 50 im Juni und November 2016 sprunghaft zugenommen. Die langfristige Zunahme (+ 17 % von April 2015 bis April 2019) lässt sich nicht eindeutig auf den Brexit zurückführen.
    • Besonders aus Ländern mit geografischer Nähe zu Deutschland und gemeinsamer Sprache werden Jobs in Deutschland gesucht.

Eine wichtige Errungenschaft der EU ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Sie ermöglicht nicht nur für Grenzregionen einen Austausch von Arbeitskräften. In Kombination mit der Niederlassungsfreizügigkeit ermöglicht sie es EU-Bürger*innen, ihren Wohnort innerhalb der Länder der Europäischen Union frei zu wählen und dort zu arbeiten. Der “Annual Report on Intra-EU Labour Mobility” der Europäischen Kommission beschäftigt sich mit der Mobilität innerhalb der EU sowie den EFTA-Ländern Schweiz, Norwegen und Island. Die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2017 zeigen, dass 17 Millionen EU-Bürger*innen in einem anderen EU-Mitgliedstaat als ihrem Herkunftsstaat leben und arbeiten. Dazu kommen weitere 1,4 Millionen Personen, die täglich in einen anderen Mitgliedstaat zu ihrem Arbeitsplatz pendeln.

Wir wollen die Verknüpfung  der europäischen Arbeitsmärkte aus einer neuen Perspektive analysieren, nämlich dem Jobsuchverhalten. Die hierfür am besten geeignete Datenquelle ist die Jobseite Indeed, die in über 60 Ländern vertreten ist. Für die Zeit von Mai 2018 bis April 2019 analysieren wir das Jobsuchverhalten in folgenden europäischen Ländern: Deutschland, Belgien, Tschechien, Dänemark, Irland, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Ungarn, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Finnland, Schweiz, Großbritannien, Schweden sowie Norwegen. Insgesamt greifen wir auf viele Millionen Suchanfragen zurück.

Anhand unserer Analysen können wir die amtliche Statistik der einzelnen Länder und der Europäischen Union zur Mobilität von Arbeitskräften innerhalb der EU und der Verknüpfung der verschiedenen europäischen Arbeitsmärkte auf zwei Arten ergänzen: Erstens durch die Beobachtung aktueller Trends ohne Zeitverzögerung; zweitens kann Jobsuchverhalten als potenzielles Interesse an einem neuen Job gewertet werden und ist damit Teil einer möglichen zukünftigen Entwicklung.

Die Suche nach einem Job im Ausland

Indeed ist in 21 europäischen Ländern mit einer eigenen Webseite vertreten. Diese international vergleichbaren Daten nutzen wir, um das Jobsuchverhalten ins Ausland zu beleuchten und neue Einblicke in die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb Europas zu ermöglichen.

In der Hälfte der betrachteten Länder liegt der Anteil der Jobsuchen ins Ausland über 8,7 % (Median), in der anderen Hälfte der Länder unter diesem Wert. Der Unterschied zwischen den Ländern fällt dabei sehr groß aus und reicht von 48,9 % in Rumänien bis zu lediglich 2,6 % in Großbritannien. Ein regionales Muster der Unterschiede, zum Beispiel von West nach Ost oder Nord nach Süd, lässt sich eindeutig nicht erkennen. In Deutschland suchen 5,3 % aller Jobinteressent*innen nach einem Job im Ausland. Damit gehört Deutschland zu den europäischen Ländern, in denen verhältnismäßig selten nach einem Job im Ausland gesucht wird. Die beiden Länder Rumänien und Luxemburg weisen den höchsten Anteil an Jobsuchen ins Ausland auf und könnten wirtschaftlich nicht unterschiedlicher aufgestellt sein: In Rumänien richtet sich fast jede zweite Jobsuche ins Ausland (48,9 %). Rumänien ist nach Bulgarien das EU/EFTA-Land mit dem niedrigsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP, Eurostat). Über ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. In Luxemburg gehen über ein Drittel aller Suchen ins Ausland (33,5 %). Luxemburg verfügt nach Liechtenstein über das höchste BIP pro Kopf in Europa und das Armutsrisiko liegt unter dem europäischen Durchschnitt. In Rumänien wird somit die wirtschaftliche Situation der Haupttreiber einer Jobsuche im Ausland sein, während es die Luxemburger Jobsuchenden wohl eher zurück in ihre (Nachbar-) Heimatländer zieht oder zur nächsten Karrierechance in ein anderes Land.

Der britische Arbeitsmarkt und der Brexit

Werfen wir einen Blick auf die besondere Situation in Großbritannien: Dem britischen Arbeitsmarkt geht es trotz Brexit-Ankündigung weiterhin gut. Die Arbeitslosenquote sinkt und die Zahl der Beschäftigten steigt weiter an. Lediglich 2,6 % aller Jobsuchen in Großbritannien richten sich ins Ausland, sodass Großbritannien das Schlusslicht unseres Rankings ist. Durch die große Unsicherheit um den Brexit könnte man aber erwarten, dass die internationalen Fachkräfte in Großbritannien nach Jobs im EU-Ausland schauen.

Wir haben die langfristige Entwicklung der Jobsuchen von Großbritannien ins europäische Ausland von Anfang 2015 bis Mai 2019 analysiert. Zu zwei Zeitpunkten haben die Suchen aus Großbritannien ins europäische Ausland sprunghaft zugenommen: um das Brexit-Referendum im Juni 2016 herum und erneut im November 2016 mit der Diskussion um den Artikel 50, der das Parlament über den Brexit entscheiden lässt. Über den kompletten Zeitraum betrachtet zeigt sich eine Zunahme von Jobsuchen aus Großbritannien ins europäische Ausland, die aber niedriger ausfällt als man erwarten würde. Ein Vergleich von April 2015 mit April 2019 zeigt eine Zunahme von 17 %. Diese Entwicklung können wir nicht eindeutig auf den Brexit zurückführen. Die allgemein gute wirtschaftliche Entwicklung in vielen europäischen Ländern führt dazu, dass auch diese Länder nach Fachkräften suchen und für Jobsuchende neue Optionen bieten. Darüber hinaus hat die Zahl der Rückkehrer in ihre Heimatländer laut Bericht der Europäischen Kommission zugenommen. Eine weitere Indeed-Analyse zeigt zudem, dass die Suchen aus dem EU-Ausland nach Jobs in Großbritannien seit einiger Zeit wieder leicht ansteigen.

Es bleibt spannend und wichtig zu beobachten, wie sich das Suchverhalten in Großbritannien ändern wird, wenn der Brexit konkreter wird und die Auswirkungen für internationale Arbeitskräfte eindeutiger werden. Wir werden das im Blick haben und darüber berichten. Aber schon heute können wir uns anschauen, welche europäischen Länder für Jobsuchende aus Großbritannien von Mai 2018 bis April 2019 besonders attraktiv waren: 7,7 % aller Suchen von Jobsuchenden in Großbritannien ins Ausland landeten in Frankreich, gefolgt von Irland (7,6 %), Spanien (4,6 %), Deutschland (3,6 %) und Italien (3,1 %).

Welche deutschen Städte könnten nach derzeitigem Stand besonders von britischen Arbeitskräften profitieren? Bei den Jobsuchenden aus Großbritannien, die von Mai 2018 bis April 2019 nach einem Job in einer bestimmten deutschen Stadt gesucht haben, ist Berlin am beliebtesten (21,7 %), gefolgt von München (8,6 %) und Hamburg (6,9 %). Im Zuge der Brexit-Diskussionen wird über die Zukunft der Finanzjobs in London spekuliert. Das Werben der verschiedenen Finanzzentren Europas um die Arbeitsplätze hat begonnen. Frankfurt am Main wird in diesem Zusammenhang immer wieder als attraktiver neuer Standort genannt. Frankfurt am Main rangiert derzeit allerdings erst auf dem vierten Platz (6,8 %), vor Köln (4,0 %).

Internationale Fachkräfte in Deutschland

Gerade für Länder wie Deutschland – mit einer alternden Bevölkerung, niedriger Geburtenrate, positiver Arbeitsmarktentwicklung mit niedriger Arbeitslosigkeit und daraus bereits resultierenden Engpässen an Fachkräften in einigen Regionen und Berufen – sind internationale Fachkräfte eine zeitnahe Lösung.

Im Februar 2019 hatten 12,1 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland eine ausländische Staatsbürgerschaft (Statistik der Bundesagentur für Arbeit). Welches Interesse besteht am deutschen Arbeitsmarkt und welches Potenzial liegt hier somit auch für die Zukunft verborgen? Wir nutzen zwei Kennzahlen für eine Einschätzung: Erstens, welche Länder absolut gesehen den größten Anteil an den Suchen aus dem Ausland in Deutschland ausmachen. Zweitens berechnen wir für jedes Land, wie hoch der Anteil von allen Suchen ins Ausland ist, der sich nach Deutschland richtet. Damit betrachten wir, wie hoch das Interesse an einem Job in Deutschland ist – abhängig davon, wie wahrscheinlich die Jobsuche im Ausland in diesem Land ist.

Wir haben alle Suchanfragen von Jobsuchenden weltweit ausgewertet und berechnet, welche Länder den höchsten Anteil an Suchen aus dem Ausland in Deutschland ausmachen. Die Top 5 Länder kommen dabei alle aus der EU. Vier Nachbarländer Deutschlands sind sogar unter den Top 5 Ländern aus denen in Deutschland nach einem Job gesucht wird: Österreich (9,5 %), Schweiz (6,6 %), Frankreich (6,3 %) und Polen (5,6 %). Auf dem zweiten Platz befindet sich Großbritannien mit 8,2 % aller Suchen. Besonders hervorzuheben sind Österreich und die Schweiz, da es sich hier um weniger bevölkerungsreiche Länder handelt und sie dennoch Platz 1 und 3 belegen. Das belegt ganz klar, wie eng hier die gemeinsame Sprache die Arbeitsmärkte zueinander bringt. Hinzu kommt ein ähnliches Ausbildungssystem. Dass gerade unterschiedliche Sprachen und Ausbildungsabschlüsse Faktoren sind, die die grenzübergreifende Integration von Arbeitsmärkten erschweren können, hat eine erst kürzlich erschienene Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für die deutsch-französische Grenzregion gezeigt.

Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf die zweite Kennzahl, den Anteil der Suchen ins Ausland, der sich nach Deutschland richtet. Fast jede zweite Suche, die Jobsuchende in Österreich ins Ausland richten, landet in Deutschland (45,7 %). Auch in der Schweiz landet jede fünfte Auslandsjobsuche in Deutschland (21,7 %). Das zeigt eindeutig: Jobsuchende in Österreich und der Schweiz haben ein sehr großes Interesse am deutschen Arbeitsmarkt. Verhält sich das umgekehrt genauso? 15,1 % aller Suchen aus Deutschland ins Ausland gehen in die Schweiz, allerdings nur 3,7 % nach Österreich.

Österreich und die Schweiz sind nicht die einzigen Länder, in denen Jobsuchende den deutschen Arbeitsmarkt attraktiv finden. Auch für tschechische (20,8 %) und polnische (17,5 %) Jobsuchende, die im Ausland nach einem Job suchen, steht der deutsche Arbeitsmarkt hoch im Kurs. Am seltensten suchen Jobsuchende aus Großbritannien (3,6 %) und Irland (3,1 %) nach einem Job in Deutschland. Großbritanniens Erwerbsbevölkerung ist groß, sodass es viele Suchen in Richtung Ausland gibt. Absolut gesehen liegt Großritannien in Deutschland auf Platz zwei. Nichtsdestotrotz ist der Anteil der Suchen ins Ausland, der sich nach Deutschland richtet, gering und liegt nur bei den beschriebenen 3,6 %.

Die Analyse des internationalen Jobsuchverhaltens in Europa hat klar gezeigt: Jobsuchende schauen über den Tellerrand. Der deutsche Arbeitsmarkt profitiert dabei vor allem von seinen direkten Nachbarn.

Trotz sprachlicher Barrieren und anderer Hürden bringt der Arbeitsmarkt Menschen verschiedener Nationen und Kulturen zusammen. Bei aller Kritik und allen Schwierigkeiten, die im Zuge des europäischen Integrationsprozesses aufgrund der Unterschiedlichkeit der Länder entstehen – die Niederlassungs- und Arbeitnehmerfreizügigkeit ist eine Chance für Europa. Internationale Fachkräfte stellen für den größten Teil der europäischen Länder eine sehr wichtige Arbeitskräfteressource. In der Zukunft mit Blick auf den demografischen Wandel werden sie in Ländern wie Deutschland womöglich eine noch größere Bedeutung einnehmen.

Methodische Hinweise

Unsere Analysen konzentrieren sich auf 21 EU/EFTA-Länder, in denen Indeed eine eigene Webseite hat: Deutschland, Belgien, Tschechien, Dänemark, Irland, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Ungarn, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Finnland, Schweiz, Großbritannien, Schweden und Norwegen.

Analysen, die den Anteil von Suchen ins Ausland berechnen, die sich nach Deutschland richten, werden nur für diese 21 Länder dargestellt. Es wurden allerdings alle weltweiten Zielländer bei der Berechnung der Anteilswerte berücksichtigt.

Um die Bedeutung der einzelnen europäischen Arbeitsmärkte richtig darzustellen, betrachten wir als Basis alle Suchen ins Ausland, unabhängig davon, ob sie in EU/EFTA-Staaten oder in Drittstaaten gehen. Das bedeutet zum Beispiel, dass von allen Suchen auf Indeed in Großbritannien ins Ausland 3,6 % nach Deutschland gehen. Eine Konzentration nur auf europäische Länder an dieser Stelle als Nenner der Berechnungen könnte zu einer Überschätzung der Bedeutung europäischer Länder führen und wird damit vermieden.

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