Arbeitsmarktanalysen

Hebammenmangel: Arbeitsmarkt kommt in Bewegung


Die Zahl der Geburten ist in den letzten Jahren stärker gewachsen als die Zahl der Hebammen und Ausbildungsplätze. Aktuelle Entwicklungen von Stellenausschreibungen und Suchanfragen deuten einen Wandel an.

Es vergeht kaum eine Woche, in der es nicht neue Berichte dazu gibt, in welchen Regionen und Städten Hebammen fehlen. Dabei geht es um die Geburtsvor- und Nachsorge, ebenso wie um die Geburtshilfe selbst. Die Zahl der Krankenhäuser mit Geburtsstationen sinkt. Der Spiegel berichtet sogar davon, dass die Elterninitiative Mother Hood für bestimmte Regionen in Deutschland eine Reisewarnung für Schwangere ausgesprochen hat. Die Brisanz des Themas hat in der jüngsten Vergangenheit noch zugenommen, da die Zahl der Geburten weiter steigt.

Wie sieht der Arbeitsmarkt für Hebammen und Entbindungspfleger in Deutschland aus? Zur Beantwortung dieser Frage nutzen wir Daten der amtlichen Statistik sowie Daten der Jobsuchmaschine Indeed. Daten der amtlichen Statistik sind derzeit bis zum Jahr 2016 verfügbar. Mit Indeed-Daten können wir in Echtzeit beobachten, wie sich Stellenausschreibungen und Suchanfragen entwickeln.

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

  • Stellenausschreibungen (+94,6 %) und Suchanfragen (+79,4 %) nehmen seit Anfang 2017 stark zu.
  • Die Zahl der Geburten wächst in den letzten Jahren stärker als die Zahl der Hebammen und Ausbildungsplätze, was zu einer Verschärfung des Hebammenmangels führt.
Stellenausschreibungen und Suchanfragen steigen erst seit Anfang 2017

In Deutschland gibt es für Hebammen drei verschiedene Beschäftigungsformen: Zunächst die festangestellte Hebamme, die meist im Kreißsaal eines Krankenhauses arbeitet. Die Geburtsvorbereitung und die Wochenbettbetreuung übernehmen freiberufliche Hebammen. Freie Hebammen, die Frauen auch bei der Geburt im Krankenhaus begleiten, werden wiederum als Beleghebammen bezeichnet. Stellenausschreibungen auf Indeed.de stammen von Krankenhäusern, Geburtshäusern, Arztpraxen oder Personaldienstleistern und richten sich fast überwiegend an Hebammen, die eine Festanstellung suchen. Beleghebammen werden nur sehr vereinzelt aktiv von diesen Institutionen gesucht.

Berichte über einen Hebammenmangel finden sich bereits seit einigen Jahren, haben aber insbesondere im letzten Jahr zugenommen. Eine Analyse der bundesweiten Stellenanzeigen für Hebammen und Entbindungspfleger auf Indeed.de verdeutlicht, dass die Zahl dieser Stellenausschreibungen erst seit Anfang 2017 stark ansteigt. Von März 2017 bis März 2018 hat sich ihre Anzahl fast verdoppelt (+94,6 %). In den Jahren 2015 und 2016 stieg die Zahl der Stellenausschreibungen zwar ebenfalls an, allerdings nur, um einen starken Rückgang vom Herbst 2015 wieder aufzuholen.

Im gleichen Zeitraum – von März 2017 bis März 2018 – stiegen die Suchanfragen auf Indeed.de um knapp 79,4 % an. Damit trifft die zunehmende Nachfrage nach Hebammen auf ein ebenfalls steigendes Interesse von Hebammen und Entbindungspflegern auf Jobsuche.

Mehr Ausbildungsplätze, aber auch viel mehr Geburten: Hebammenmangel verschärft sich

In 2015 und 2016 waren laut Statistischem Bundesamt 24.000 Hebammen bundesweit tätig. Diese Zahl umfasst sowohl fest angestellte Hebammen in Krankenhäusern als auch alle freiberuflichen Hebammen. Die Zahl freier Hebammen ist zum Jahr 2016 angestiegen. Da es sich einerseits um stark gerundete Zahlen handelt und andererseits keine neueren Zahlen verfügbar sind, lassen sich Entwicklungen nur ungenau nachvollziehen und bilden aktuelle Trends nicht ab.

Mehr Einsicht bietet die Krankenhausstatistik des Statistischen Bundesamtes, die sich auf im Krankenhaus tätige Hebammen konzentriert. Ein Vergleich der Entwicklungen der Geburten mit der in Krankenhäusern tätigen Hebammen sowie den Ausbildungsplätzen bringt überraschende Ergebnisse: Bis 2013 verlaufen die Entwicklungen parallel. Seit 2014 kann das Wachstum an Hebammen bzw. Ausbildungsplätzen nicht mehr mit dem Anstieg an Geburten mithalten. Diese Situation wird noch durch zwei weitere Trends verschärft: Erstens arbeiten immer mehr Hebammen in Teilzeit, wie ein aktueller Bericht im Spiegel unter Verwendung von Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigt. Zweitens ist die Zahl der Beleghebammen in den Jahren 2014 bis 2016 jährlich um mehr als 3 % gesunken. Damit stehen immer weniger Hebammen zur Verfügung, die sowohl Geburtshilfe im Krankenhaus als auch Geburtsvorsorge und Wochenbettbetreuung aus einer Hand anbieten.

Ein Blick auf die Zahl der Ausbildungsplätze zeigt, dass auf Entwicklungen der Geburtenzahlen nur mit Verzögerung reagiert werden kann: So folgt auf den starken Anstieg der Geburten im Jahr 2014 ebenfalls ein Anstieg der Ausbildungsplätze im Jahr 2015. Absolventinnen stehen dem Arbeitsmarkt aber erst nach drei Jahren als ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung. Die Absolventinnen des Jahrgangs 2015 werden erst in diesem Jahr in den Arbeitsmarkt eintreten und nach einer Anstellung suchen oder als freiberufliche Hebammen tätig werden.

Es lässt sich schlussfolgern: Um dem Hebammenmangel wirksam entgegenzutreten, müsste die Zahl der Hebammen bzw. der Ausbildungsplätze stärker steigen als die Zahl der Geburten. Die Daten der amtlichen Statistik zeigen dies derzeit noch nicht. Die seit Anfang 2017 zunehmenden Stellenausschreibungen und Suchanfragen auf Indeed.de deuten hingegen einen Wandel an. Eine erhöhte Nachfrage nach Hebammen könnte als Reaktion auf die öffentliche und politische Diskussion zum Hebammenmangel gewertet werden. Wie lässt sich der Anstieg der Suchanfragen deuten? Gibt es seit 2017 einfach mehr Hebammen oder Entbindungspfleger auf dem Arbeitsmarkt, die nach Jobs suchen? Das ist unwahrscheinlich. Die Arbeitslosigkeit ist laut aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit unverändert niedrig.

Ein Anstieg der Zahl der Ausbildungsplätze bzw. Absolventinnen dürfte auch nicht für die steigenden Suchanfragen verantwortlich sein: Die Absolventinnen des Jahres 2017 haben ihre Ausbildung im Jahr 2014 begonnen. In 2014 ist die Zahl der Ausbildungsplätze nicht stärker angestiegen (+1,3 %) als im Jahr zuvor (+1,2 %). In 2015 hat die Zahl der Ausbildungsplätze zwar stärker zugenommen (+4,3 %). Allerdings könnten Absolventinnen dieses Ausbildungsjahrgangs erst im weiteren Laufe des Jahres 2018 zu einem weiteren Anstieg der Suchanfragen führen. Quereinsteiger dürften für den bisherigen Zuwachs der Suchanfragen auch nicht verantwortlich sein, da eine qualifizierte (wenn auch ggf. verkürzte) Ausbildung Voraussetzung ist, um als Hebamme oder Entbindungspfleger zu arbeiten.

Die steigenden Suchanfragen von Hebammen könnten somit in zwei Richtungen interpretiert werden: Es könnte ein Zeichen sein, dass sich eine Verschiebung von der Freiberuflichkeit zur Festanstellung vollzieht. Steigende Haftpflichtprämien, stagnierende Sicherstellungszuschläge der Krankenkassen und hohe bürokratische Hürden, diesen Zuschlag überhaupt zu erhalten, könnten dazu beitragen. Denkbar wäre auch eine erhöhte Wechselbereitschaft von bereits fest angestellten Hebammen, in der Hoffnung, niedrige Gehälter oder nicht zufriedenstellende Arbeitsbedingungen zu verbessern – beides Faktoren, mit denen Hebammen konfrontiert sind.


Methodik

Die Analyse der bundesweiten Stellenausschreibungen und Suchanfragen bezieht sich auf die Zeit von Januar 2015 bis März 2018. Der Beruf der Hebamme und des Entbindungspflegers ist ein Beispiel für eine Beschäftigung, in der es nahezu keine Männer gibt. Im Jahr 2015 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 9.077 Hebammen und 4 Entbindungspfleger als festangestellte Kräfte in Krankenhäusern. Zur besseren Lesbarkeit verzichten wir deshalb in diesem Beitrag darauf, an allen Stellen sowohl auf Hebammen als auch Entbindungspfleger zu verweisen.

Zurück zum Anfang

Abonnieren Sie den Indeed Hiring Lab Newsletter für Deutschland

Bleiben Sie auf dem neuesten Stand